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Zurück zur Erlebnisqualität

Der deutsche Dirigent und Komponist Johannes Kalitzke, der bei den Klangspuren zwei Konzerte dirigiert,
im Gespräch über Ungewissheit und die Musikwelt in der Corona-Krise.

Interview: Stefan Ender
Erschienen in DerStandard, Spezial, 21.08.2020 (Medienkooperation)

 

Auch Johannes Kalitzke, der bei den Klangspuren Schwaz dirigieren wird, war durch den Shutdown von seiner Tätigkeit als Orchesterleiter separiert. Der Komponist Kalitzke war umso fleißiger. Da es nun aber wieder konzertmäßig losgeht, spürt er in der kollektiven Arbeit „Auftrieb, weil nach bzw. in einer solchen Krise der Wert des kulturellen Wirkens und die Erlebnisqualität von Kunst von sehr vielen Kollegen und Kolleginnen“ wieder neu reflektiert würden.  

STANDARD: Herr Kalitzke, Sie sind Komponist und Dirigent. Wie sieht für Ihre beiden Alter Egos die Bilanz des vergangenen halben Homeoffice-geprägten Jahres aus? 
Kalitzke: Ich hatte das Glück, Aufträge für zwei Opern erhalten zu haben, und habe diese Zeit genutzt, viel im Voraus zu schreiben. Dabei war es ein seltsames Gefühl, etwas zu komponieren, von dem man weiß, dass es erst in ein oder zwei Jahren aufgeführt wird. Man arbeitet wie für einen fremden Stern. Zwischendurch wurde es auch schwer vorstellbar, dass die Situation ein Ende findet und das, was man schreibt, jemals gespielt wird. Dieses Schreiben ins Ungewisse hinein war bedrückend. Außerdem ist es für einen Musiker, der auf der Bühne stehen und kommunizieren will, sowohl mit Orchester als auch Publikum, eine unangenehme Situation, davon ausgesperrt zu werden. Der kommunikative Entzug ist ein künstlerisch unnatürlicher Zustand.  

STANDARD: Wie viel „Homeoffice“, also Vorbereitung mit Partiturstudium, investieren Sie in ein neues Werk, bevor Sie es eigentlich zu proben beginnen? 
Kalitzke: Ganz unterschiedlich. Zwischen 30 Minuten und 30 Tagen. Ein leicht überschaubares Ensemblestück von 15 Minuten erfordert eine andere Herangehensweise als eine abendfüllende Oper mit vielen musikalischen Ebenen. Man muss dann die Partitur in mehrere Schichten unterteilen, bezeichnen und wieder zusammensetzen. Das kommt einem zweiten Kompositionsprozess gleich.  

STANDARD: Wie sehr unterscheidet sich dieser Aufwand bei eigenen und fremden Werken? 
Kalitzke: Gar nicht. Das eigene Werk sollte man lesen wie ein fremdes. Die Techniken der Vorbereitung sind dann die gleichen. Das ist auch im Sinne der Selbstkontrolle als Komponist von Nutzen.  

STANDARD: Inwiefern gestaltet sich die Kommunikation des Dirigenten mit einem Neue-Musik-Ensemble anders als bei klassischen Orchestern? 
Kalitzke: Das gleicht sich zunehmend an, da erfreulicherweise viele junge MusikerInnen, die in den Orchestern nachrücken, an inhaltlichen Fragen und an der Rolle, die sie im Kontext spielen, teilhaben wollen und daher der Vermittlungsprozess in den Proben ähnlich abläuft wie bei einem Ensemble, wo das Ganze eines Werkes ebenfalls für alle thematisiert wird.  

STANDARD: Sie leiten hier zwei Spezialensembles: Phace und das Klangforum Wien. Wie würden Sie die beiden Formationen charakterisieren? 
Kalitzke: Corona-bedingt ist für mich ein Konzert mit dem Ensem - ble Phace im Mai ausgefallen, sodass ich erst im September zum ersten Mal mit dem Ensemble arbeiten werde. Ich kenne die meisten Musiker persönlich, eine Charakterisierung des Kollektivs im Vergleich zu anderen Ensembles wäre mir derzeit aber zu spekulativ. Das Klangforum Wien ist für mich nun schon seit mehr als 20 Jahren ein Glücksfall für persönliche und künstlerische Vertrauenswürdigkeit. Es hat sich als Maßstab für exemplarische Interpretation bis heute bewährt und darin auch einen großen Beitrag für die Akzeptanz des Ungewohnten geleistet.  

STANDARD: Wie würden Sie die Werke, die Sie bei den Klangspuren leiten, beschreiben? 
Kalitzke: Das Werk von Lisa Lim liegt mir noch nicht vor. Die Stücke von Billone und Ianotta sind auf persönliche Weise von einem unnachahmlichen Klangempfinden geprägt, das sowohl in Bezug auf Mixturen wie auch auf semantische Weise zu eigenständigen Ergebnissen führt. Billone erscheint mir auf den ersten Blick wie ein klanglich dunkel-farbiges, metasprachliches Langgedicht, wogegen das Ianotta- Stück seine Reize in der Entwicklung und Ausdehnung von spezifischen instrumentalen Mischungen und atmosphärischen Zuständen findet.  

STANDARD: Sehen Sie manche Aspekte Ihrer Tätigkeit und des Kulturbetriebs aufgrund der Erfahrungen der letzten Zeit heute in gewissem Sinne anders? 
Kalitzke: Ja. Viele werden später dar an gemessen, wie sie sich in dieser Zeit bewährt haben, ob sie auch in dieser Situation kulturell relevante Impulse erzeugen konnten oder eher abgewartet haben, bis die Bedingungen wieder stimmen. Da gibt es eine klare Trennlinie, die eine Diskussion über die Unentbehrlichkeit vieler Akteure und Institutionen in Gang halten dürfte. Aber auch im ganz persönlichen Schaffensprozess entsteht ein korrigiertes Bild dessen, was man eigentlich als notwendig definiert. Eine rein selbstreferenzielle Genügsamkeit kreativer Tätigkeit rückt damit in weite Ferne.   

 

JOHANNES KALITZKE (55) ist ein international gefragter Dirigent und Komponist. Seine vierte Oper „Die Besessenen“ wurde im Theater an der Wien uraufgeführt. 2012 hat der Kölner die Uraufführung der „American Lulu“ an der Komischen Oper Berlin dirigiert. 2014 folgte die Urauf - führung seines Musiktheaters „Pym“ in Heidelberg. Und 2020 wurde seine Kirchen- Filmoper nach Carl Theodor Dreyer „Jeanne d’Arc“ beim Carinthischen Sommer uraufgeführt. Kalitzke lebt in Wien.