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Instrumentale Selbstbestimmung

Das Projekt „doppelt bejaht“ von Mathias Spahlinger mit dem oenm sucht die Befreiung des spielenden Individuums

Erschienen in DerStandard, Spezial, 21.08.2020 (Medienkooperation)

Einklang freier Wesen … nannte der österreichische Komponist Georg Friedrich Haas vor 25 Jahren ein Ensemblestück, in dem zehn Instrumente weitgehend unabhängig voneinander interagieren. Mit der Frage der Befreiung des Musizierens von starren Schemen hatten sich die amerikanische und europäische Avantgarde schon in den 1950er- und 1960er-Jahren intensiv auseinandergesetzt. Bei den Donaueschinger Musiktagen 2009 stellte Mathias Spahlinger sein Stück doppelt bejaht. etüden für orchester ohne dirigent vor, dessen Titel aus Karl Marx’ Schrift Zur Kritik der politischen Ökonomie entlehnt ist. Als Kompositionsauftrag der Klangspuren arbeitete Spahlinger, der häufig gesellschaftliche und politische Fragestellungen in seiner Arbeit in Klang überführen möchte, die 17 Etüden für ein 18-köpfiges Kammerorchester um. Die Idee ist dabei dieselbe geblieben: Eigenständig und ohne Anweisung vom Dirigentenpunkt müssen die einzelnen MusikerInnen des oenm – oesterreichisches ensemble für neue musik (Einstudierung: Oswald Sallaberger) – selbstständig entscheiden, wie sie durch die jeweiligen „Verzweigungen“ der Partitur navigieren wollen. Konkret: Sie entscheiden, wie sie also die 15 „klanglichen Module“ und die Übergänge zwischen ihnen realisieren wollen und sollen. Die musikalische Kommunikation wird dabei zum essenziellen Teil des Erklingenden, die Vision einer selbstbestimmten, von emanzipierten Individuen getragenen Gesellschaft wird damit als Utopie greifbar. Tonsetzer Mathias Spahlinger schreibt dazu: „Es geht (nicht um Mitbestimmung, sondern) um Selbstbestimmung; und um diese nicht unmittelbar, sondern vermittelt: um das Verständnis von kompositorischen Verfahren und musikalischer Praxis, die an voremanzipatorische Denkstrukturen gebunden sind.“ Von den Mitgliedern des oenm wird das Stück jedenfalls einiges an Reaktionsvermögen und Flexibilität fordern.

13. 9., 18.00 Uhr, Schwaz, SZentrum, Silbersaal, Andreas-Hofer-Straße 10