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Musikaquarium der Gegenwart

Von Daniel Ender
Erschienen in DerStandard, Spezial, 21.08.2020 (Medienkooperation) 

Ausgerechnet heuer hätte es eine besonders internationale Ausgabe des Festivals werden sollen. 30 Gäste aus Ländern außerhalb Europas – darunter Ägypten, Israel und Australien – waren geladen, im Sinne zeitgenössischer Klänge zu agieren, ehe die Shutdowns und die strengen Reisebeschränkungen kamen. Die Folge: Weite Teile des ursprünglich vorgesehenen Programms wurden auf 2021 verschoben. Mit Hinblick auf die (wie alles im Leben, woran wir heuer erinnert wurden) relative Planbarkeit kam den Klangspuren Schwaz jedoch ihre schon immer gepflegte Vernetzung mit der Szene zugute. Dezidiertes Ziel war es in diesem Frühsommer, ein Programm zu planen, das immerhin „mit hoher Wahrscheinlichkeit umsetzbar“ sein wird. So kam doch noch ein komprimiertes und dabei dichtes Festival zustande, das neben dem Fixstarter – dem kleiner als sonst besetzten Tiroler Symphonieorchester Innsbruck beim Eröffnungskonzert im Schwazer Silbersaal – vier weitere österreichische Formationen aufbietet. Es sind natürlich allesamt auf Neue Musik spezialisierte Ensembles. 

Der deutsche Dirigent Johannes Kalitzke leitet gleich zwei von ihnen, nämlich das Ensemble Phace mit einem Stück von Pierluigi Billone (12. 9.) und das Klangforum Wien mit Werken von Clara Iannotta und Liza Lim (20. 9.)  Ein ungewöhnliches Projekt von Mathias Spahlinger realisiert wiederum das dabei undirigierte oesterreichische ensemble für neue musik (13. 9., siehe unten). Außerdem gastiert im Innsbrucker Haus der Musik das junge Ensemble Studio Dan unter der Leitung des Posaunisten Daniel Riegler – unter anderem mit einem Werk von Vinko Globokar: Mit dem slowenischen Posaunisten pflegt Riegler ja seit langer Zeit regen Austausch. Daraus ist auch Globokars Passaggio verso il rischio entstanden: Dieser „Übergang“, diese „Reise zum Risiko“ meint das Risiko, dass das Stück einiges an Freiheit an der Grenze zur Improvisation enthält und daher reaktionsfreudiges Musizieren erfordert. Der Titel Studio Dan ist übrigens leicht zu erklären, er hängt mit Komponist Frank Zappa zusammen: „Hier kommt schon eine Leitfigur des Ensembles ins Spiel. Studio Dan ist eine Anspielung auf Frank Zappas gleichnamiges Album“, erzählt Daniel Riegler.  

Man sei allerdings keine „Cover- Band. Wir sehen uns einfach in der Linie derer, die einen Bogen von komponierter zu improvisierter und elektronischer Musik, von Rock, Jazz bis zur zeitgenössischen Musik spannen können. Somit beschäftigen wir uns mit vielen zeitgenössischen Formen.“ Dazu nicht unpassend auch die Improvisationsreihe „Klangspuren improv“ (18. und 19. 9.) mit je drei Formationen an den beiden Tagen. Und auch von Wolfgang Mitterer wird man sicher improvisatorische Elemente erwarten können, wenn er Orgel und Elektronik in der Hofkirche kombiniert. Manches ist in diesem Jahr etwas diskreter als sonst: Die Klangwanderung – mit höchstens zwanzig TeilnehmerInnen – führt diesmal statt einer kilometerweiten Pilgerreise zu mehreren Stationen im Ort Schwaz. Eine Reise nach Tirol lohnt sich im September denn auch in jedem Fall. Der künstlerische Leiter der Klangspuren, Reinhard Kager, ermutigt im Vorwort zum Festivalprogramm: „Lassen Sie sich also verführen von neuer Musik und ihrer unerschütterlichen Utopie, dass alles ganz anders sein könnte.“ Das Klangforum Wien, oenm, Phace und Studio Dan sind in diesem anspruchsvollen Sinne auch versierte Verführer.

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