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Reinhard Kager, künstlerischer Leiter,
zum Festival 2020:

„Und schrieb, und schrieb an weißer Wand / Buchstaben von Feuer, und schrieb und schwand.“ Die geisterhafte Warnung, die nach Heinrich Heine dem überheblichen babylonischen Königssohn Belsazar überbracht wurde, wiederholt sich heute in unheimlicherer Form: Sie ist unsichtbar geworden und birgt dennoch tödliche Gefahren. Und sie bedroht diesmal nicht bloß einen Herrscher, sondern die gesamte Menschheit. Auch ohne mythologische Hintergründe zu bemühen, lässt sich die Botschaft der von Menschen verursachten Corona-Pandemie klar entschlüsseln: So kann es nicht weitergehen – mit ungebremster Expansion, mit fortschreitender Umweltzerstörung, mit wachsenden Profiten, mit steigender sozialer Ungleichheit.

Mächtige Wirtschaftstreibende und Politiker führender Industrienationen wollen diese Warnung trotzdem nicht ernst nehmen. Umso essentieller ist jetzt die mahnende Stimme der Kunst, die kraft ihrer Autonomie von unmittelbaren Gesellschaftsprozessen eine klare Stellung beziehen kann. Insofern ist es wichtig, dass Klangspuren trotz widriger Umstände auch im Schicksalsjahr 2020 unter Sicherheitsauflagen stattfindet. Aufgrund vieler außereuropäischer Gäste musste zwar ein Großteil des ursprünglich unter dem Titel Transitions geplanten Festivalprogramms auf 2021 verschoben werden, doch auch die neu programmierten Zeitzeichen können sich hören lassen. Sie werden von hochkarätigen, in Österreich lebenden MusikerInnen gespielt, die somit Zeugnis ablegen von der heimischen Spielstärke in allen Bereichen der zeitgenössischen Musik.

Zeitzeichen ist eigentlich ein Begriff aus der Rundfunktechnik und bezeichnet das Signal, das zum Beginn von Nachrichten ertönt. In diesem Kontext kann das Festivalmotto aber auch als Zeichen der Zeit verstanden werden, was im englischen Äquivalent Marking time überdies den Beigeschmack eines Stillstands in sich trägt. Doch den können wir nicht riskieren. Denn wir tanzen ohnehin schon am Rand jenes Abgrunds, den der Tiroler Künstler Rens Veltman in seinem mit AugelEye betitelten Festivalsujet drastisch festhält. Lassen Sie sich also verführen von neuer Musik und ihrer unerschütterlichen Utopie, dass alles ganz anders sein könnte.

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