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Michael Wertmüller

For Yaron!
Konzert für E-Gitarre und Orchester (2019- 2020), UA
 

Die durch Rockmusik stark vorbelastete E-Gitarre schreit geradezu nach einem hohen Maß an Respektlosigkeit im Umgang mit Materialien. Sie lädt dazu ein, die musikalischen Voraussetzungen zu torpedieren. Mit Yaron Deutsch aus Israel habe ich seit langem einen engen Freund, der sich auf äußerst virtuose Art auf meine Kompositionen einlässt, um mit diesem Instrument verrückte Experimente in der klassischen Musik zu versuchen. Klangspuren Schwaz bietet nun die bisher größte Herausforderung für uns – ein Konzert für E-Gitarre und Orchester, For Yaron! Mich interessiert es, MusikerInnen mit großen Talenten zu begegnen und deren besondere Fähigkeiten in eine Komposition zu integrieren. Auf diesem Weg prägt jene Person der Komposition ihren Stempel auf, an die bei deren Entstehung gedacht wurde. Insofern ist es eine große Hilfe, dass ich mit Yaron Deutsch schon in verschiedenen Kontexten zusammenarbeiten konnte.

Das Konzert für E-Gitarre und Orchester ist ein polytemporales Stück – Musik, in welcher sich zwei oder mehrere Tempi gleichzeitig ereignen und die daher auch zwei oder mehrere Tempoangaben benötigt; konsequenterweise ist die Dauer eines gegebenen Notenwertes somit auch nicht an allen Punkten der Zeitlinie dieselbe. Solche Musik erreicht die höchste Stufe der Virtuosität. Dabei stellt sich mir eine fundamentale Frage: Wie kann man diesen expressiven Rausch ordnend bändigen? Es entsteht ein musikalischer Raum, in dem diese sich gegenseitig ausschließenden Eigenschaften der Zeit in unterschiedlichen Perspektiven parallel verlaufen und im vertikalen Schnitt eine dialektische Wirkung hervorbringen. Das Konzert ist voll von rhythmischen Kapriolen, komplexen Taktzahlen und metrischen Verschiebungen sowie seltsamen harmonischen Fortschreibungen, und außerdem ist es höchst antipuristisch. Man bemerkt eine kontextuelle Dekonstruktion kanonisierter musikalischer Stile und Werte – wider die neue Musik der Vernunft am fl üchtigen Rand des Raums im trägen Geist der Zeit. Einmal abgeschossen, mag sich diese eruptive musikalische Kanonenkugel auf ihrer Flugbahn durchaus frei fühlen und ohne Schmerz, Reue oder Warnung einschlagen.

Die harmonischen Systeme und Verbindungen sind insgesamt betrachtet eher konventionell, was nicht ausschließt, dass sich im Einzelnen Spannung erzeugende Akkordrückungen und Kontrast schaffende Stufensprünge finden. Die klassischen Harmonieschemata sorgen für Durchgangsakkorde, Modulationen und dissonierende Harmonien für Variation. Sequenzen, bestehend aus mehreren gleichzeitig gespielten Rhythmen und gegenläufi gen Melodien, sind in der Regel gleiche Tonfolgen, die stufenweise versetzt werden. Multi-Rate- Effekte werden mit X-tolen gegen ein globales Tempo gesetzt.

Durch Akzentsetzung hervorgerufene asymmetrische Anordnungen gleichförmiger Notenwerte, ebenso rhythmisch-metrische Permutationen und Polymetrik, Augmentation und Diminution sowie Hemiolen (Akzentverschiebungen) werden als durchschnittliche Stilmittel gebraucht. Sie vermitteln ein Gefühl, als ob, trotz vorhandener Beats, Beats ausgelassen oder übersprungen oder verschluckt werden und neue Beats im Beat entstehen. Da der Anspruch von For Yaron! teilweise außerhalb der Grenzen des Möglichen liegt, hat nicht nur jedes Übermaß an Komplexität, Tempo und Dynamik, sondern auch der Zustand der mechanischen, rhythmischen und mentalen Überforderung der MusikerInnen eine notwendige Funktion zu erfüllen: nämlich in die Zeit einzudringen und gleichzeitig von ihr wegzudriften. Ziel ist es, das lineare, horizontale Zeitempfinden zu transzendieren, um dieses Phänomen in einem Moment intensivierter Zeit ohne die Einschränkung der menschlichen Wahrnehmung zu erfahren.                                                                                                                              –Michael Wertmüller

10.09.2021, 19:30 Uhr, Schwaz, Silbersaal, SZentrum

For Yaron!
Konzert für E-Gitarre und Orchester (2019- 2020), UA
Yaron Deutsch, E-Gitarre
Tiroler Symphonieorchester Innsbruck
Titus Engel, Dirigent