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Jorge Sánchez-Chiong beim Eröffnungskonzert

Jorge Sánchez-Chiong  Caminando 
für Orchester, Klavier, Pauken und Batá-Trommeln (2019–2021), UA 

Zwischen drei und fünf Millionen VenezolanerInnen verließen in den letzten drei Jahren das Land. Vielen von ihnen fehlten die Mittel für Flüge und deshalb haben sie in wochenlangen Fußmärschen mehrere Länder durchquert, um ihr Glück in Peru, Ecuador oder sogar in Argentinien zu suchen. 

Der venezolanische Komiker José Rafael Guzmán wagte ein zweifelhaftes Unternehmen: Mit einem kleinen Filmteam überquerte er zu Fuß die Grenzbrücke zwischen Venezuela und Kolumbien und versuchte in sechs Tagen gemeinsam mit einer Gruppe von armen AuswanderInnen, denen er auf dem Weg begegnet war, bis nach Lima in Peru zu marschieren. Voyeuristische Comedy mit leidenden Menschen, die alles im Leben verloren haben? Das Resultat von Caminantes, so der Name des Projekts, ist alles andere als entwürdigend. Entstanden ist ein Hybrid zwischen Video-Blog und Doku-Serie voller Empathie und Menschlichkeit. Caminantes ist durchgehend heiter, aber Comedy als solche mit Gelächter aus der Konserve existiert hier nicht mehr: Der Humor ist zu einer immanenten Überlebensstrategie mutiert. 

Ich wünsche mir, dass mein Doppelkonzert Caminando eine Prise von José Rafael Guzmáns Projekt besitzt, auch wenn wir in Tirol, in einem bequemen, klimatisierten Konzertsaal sitzend, ein Symphoniekonzert serviert bekommen und beide Medien – abstrakte Musik und lebensnahe Videodokumentation – so gut wie nichts miteinander teilen. Aber ich würde gerne mit meiner Musik ohne falsche Betroffenheit und übertriebenen Optimismus informieren, um dadurch eine wenn auch kleine Brücke zu schlagen. 

Daraus resultiert auch die Wahl der beiden solistischen Instrumente: Die Batá-Trommel, die heilige Sanduhrtrommel der Yoruba, klingt nach dem Konzept der Kultmusik dieses, einst auch in die Karibik verschleppten westafrikanischen Volkes nicht bloß wie andere Instrumente, sondern soll auch zu ihren HörerInnen sprechen. Nicht jeder darf sie in einem Ritus spielen; dem Salzburger David Panzl, der in die kubanische Santería – die auf Kuba vorherrschende afroamerikanische Religion – eingeweiht wurde, ist es erlaubt. In meinem Stück wird er sogar drei Batá-Trommeln gleichzeitig spielen. Panzl, Sohn eines Orchesterpaukers, spielt in dem Doppelkonzert auch die Wiener Pauke, ein gleichfalls verhältnismäßig archaisch gebliebenes Instrument mit Ziegen- statt Kunstfell und Handkurbel statt Fußpedal. 

Alfredo Ovalles, der aus meiner Geburtsstadt Caracas stammt und nicht nur Klavier, sondern auch elektronische Instrumente spielt, lebt in Wien, wo er Bösendorfer-Künstler wurde. Ihm erzählt das Klavier – so wie mir – nicht nur über Hochkultur und Jazz, sondern auch über die Salsa in den nächtlichen Straßen von Caracas.
Jorge Sánchez-Chiong (Aus: Klangspuren Programmbuch 2021)

 

10.09.2021. 19.30 Uhr, Silbersaal im SZentrum Schwaz
Alfredo Ovalles, Keyboard+Klavier, David Panzl, Percussion+Batá-Trommeln
Yaron Deutsch, E-Gitarre
Tiroler Symphonieorchester Innsbruck
Dirigent: Titus Engel