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Himmelfahrt mit Feuerzungen

Noch einmal ist das Schaffen jener Komponistin zu erleben, die im Mittelpunkt von Klangspuren ’21 steht: Adriana Hölszky, die als Composer in Residence zu Beginn des Festivals auch bei der International Ensemble Modern Academy wirkt. Ihr voluminöses Orgelsolo ... und ich sah wie ein gläsernes Meer, mit Feuer gemischt ... zeigt erneut das enorme Gespür der Komponistin für musikalische Räume und für die Gestaltung von Klängen, die in ihrem Orgelsolo mit üppiger Farbenpracht blühen. Der Titel ihres rund viertelstündigen Orgelwerks bezieht sich auf ein Fragment aus der Offenbarung des Johannes. Womit auch die Brücke zur zweiten Komposition dieses Orgelkonzerts geschlagen wäre: Denn auch Mark Andre, der Composer in Residence von Klangspuren ’19, bezieht sich in seinem iv 15 Himmelfahrt auf die Bibel. Ein von zart-entschwebenden Luftsäulen dominiertes, entrückendes Stück, das der Organist Stephan Heuberger 2018 in der Münchener Universitätskirche St. Ludwig zur Uraufführung brachte. Dazwischen stehen vier Kanons aus Bachs berühmtem Zyklus Kunst der Fuge, BWV 1080, mit denen auch eine Brücke in die VergangenStephan Heuberger heit geschlagen wird.

26.09., 18:00 Uhr, Dom zu St. Jakob, Innsbruck

 

Adriana Hölszky … und ich sah wie ein gläsernes Meer, mit Feuer gemischt … (1997)

Der Titel von Adriana Hölszkys 1997 entstandenem Orgelstück … und ich sah wie ein gläsernes Meer, mit Feuer gemischt … bezieht sich auf ein Fragment aus der Offenbarung des Johannes, dem letzten Buch des Neuen Testaments. In der fünften Vision sieht Johannes „ein andres Zeichen am Himmel, das war groß und wunderbar: sieben Engel, die hatten die letzten sieben Plagen; denn mit ihnen ist vollendet der Zorn Gottes.“ (Offb. 15,1, Lutherbibel 1984). Johannes blickt zurück auf das Unheil, dem er entkommen ist; es ist jene Episode, die Adriana Hölszky zum Ausgangspunkt für ihr Orgelstück genommen hat: „Und ich sah, und es war wie ein gläsernes Meer, mit Feuer vermengt; und die den Sieg behalten hatten über das Tier und sein Bild und über die Zahl seines Namens, die standen an dem gläsernen Meer und hatten Gottes Harfen und sangen das Lied des Mose, des Knechtes Gottes, und das Lied des Lammes: Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, allmächtiger Gott! Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, du König der Völker. Wer sollte dich, Herr, nicht fürchten und deinen Namen nicht preisen? Denn du allein bist heilig! Ja, alle Völker werden kommen und anbeten vor dir, denn deine gerechten Gerichte sind offenbar geworden.“ (Offb. 15,2–4, Lutherbibel 1984).

Der Handlungsrahmen für diese fünfte Vision ist der Himmel bzw. der Himmelstempel. Während sieben Engel die letzten sieben Plagen, die das Gericht Gottes vollenden, vorbereiten, blicken die bereits erlösten Christen wie Johannes zurück – zurück auf Verfolgung und Elend, die sie überwunden haben, hinunter auf das gläserne Meer, das am Firmament Himmel und Erde trennt und das nunmehr mit Flammen durchsetzt ist. Bis heute ist die Bedeutung dieses Bildes nicht restlos erschlossen. Der evangelische Theologe Jürgen Roloff (Die Offenbarung des Johannes, Zürcher Bibelkommentare, Band 18) verweist auf eine typologische Entsprechung zum Exodus, die auch im Text anklingt, wenn die Geretteten „das Lied Moses, des Knechtes Gottes, und das Lied des Lammes“ anstimmen: „So wie Israel danach bei seinem Zug durch das Schilfmeer gerettet wurde, während die Ägypter darin umkamen, so sind auch jetzt die, die überwunden haben, durch das Meer gezogen, das für ihre Feinde zum Bereich des Gerichts wurde.“ Für Roloff repräsentiert demnach das Meer den Ort des Überwindens, das Feuer das Gericht Gottes.

Diese beiden widersprüchlichen Realitäten – „gläsernes Meer“ und „Feuer“ – polarisieren schon im Titel von Adriana Hölszkys Orgelstück. Auch in der Musik nützt die Komponistin die schier unerschöpfliche Klangpalette einer großen Orgel für eine Vielzahl von wechselnden Klängen und Ausdruckscharakteren, die in harten Schnitten aufeinanderprallen. Mit ihren rhythmisch komplexen Setzungen in Kombination mit präzisen Spielanweisungen stellt Hölszkys Partitur enorme Herausforderungen an die Technik und die Musikalität ihrer InterpretInnen. „Von Augenblick zu Augenblick“, so die Komponistin, „wechseln gewaltige Bilder von Licht und Farbe mit geheimnisvollen, ruhenden Momenten, die wie Spaltöffnungen zu anderen Dimensionen sich verhalten. […] Die Aufmerksamkeit des Hörers wird in diesem Orgelwerk auf die ruhelos changierenden Klangräume gelenkt. Die Unendlichkeit dieser Räume lässt Farben entstehen wie Wellen eines alles durchflutenden Ozeans.“