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SO 25.09.

NACHSPIEL: TRANSART & KLANGSPUREN SCHWAZ

15.00 Uhr, Alte Talstation Panorama, 39040 Seiser Alm

Boris Filanovsky Cantus with Cleansing for Seven Guslari (2016) UA

auf Gedichte von Eugene Ostashevsky (aus: The Unraveller Seasons, 1998-2000)

The Gusliars Volkssänger aus Montenegro

Vladmir Djurišić Künstlerische Leitung

Wer mag, kann schon um 10.30 Uhr von der Bergstation der Seiser Umlaufbahn aus mit dem britischen Klangforscher Chris Watson auf eine Wanderung zur Peterlunger Lacke gehen, um in die tiefozeanische Klangwelt der Vorzeit einzutauchen, als die Dolomiten noch Meeresboden waren.

Der russische Komponist Boris Filanovsky greift die Tradition der Guslaren auf, epischen Sängern aus den Balkanländern, die Lieder zwischen Erzählung und Poesie, über Krieg und Helden, aber auch über Liebe und Alltag zum Besten geben. Sie begleiten sich auf der Gusle oder Gusla, einer einfachen, oft sehr schön verzierten Kniegeige, die mit einer einzigen aus 30 Rosshaaren geflochtenen Saite bespannt ist. Die Tradition der Guslari ist seit langem in Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Serbien, Montenegro und Albanien verbreitet. Während Guslari normalerweise einzeln auftreten, schließt Boris Filanovsky sie zu einem Ensemble zusammen, lässt sie interagieren und konkurrieren. Indem er das auf wenige mikrointervallische Stufen begrenzte Melos der einzelnen Spieler und ihre jeweils individuelle Intonation übereinanderschichtet und die Texte – Group Portrait with Massacre und Fragmente zweier weiterer Gedichte aus dem Zyklus The Unraveller Seasons von Eugene Ostashevsky – in Englisch singen lässt, bricht er die Tradition auf und verleiht dieser alten Gesangsform eine neue dekonstruierte und ambivalente Identität. Sie deutet sich bereits in dem Namen des Ensembles „The Gusliars“ an, in dem der Begriff Guslari „lügnerisch“ verdreht wird. Noch heikler und ambivalenter ist das im Titel des Werks vorkommende Wort „Cleansing“, das einerseits auf ethnisch-politische „Säuberung“ anspielt, wie sie die Balkanländer noch in jüngster Zeit grausam erfahren mussten, andererseits aber auch eine moralisch-ethische „Reinigung“ im Sinne einer „Läuterung“ meint.

Boris Filanovsky, geboren 1968 in Leningrad/St. Petersburg, studierte in seiner Heimatstadt Komposition, war am IRCAM in Paris Student und besuchte Kurse bei Sergej Berinsky, Louis Andriessen, Paul-Heinz Dittrich und beim Arditti-Quartett. Er ist Mitbegründer der Structural Resistance Group (StRes) und leitet das eNsemble des Pro Arte Instituts Sankt Petersburg und die von ihm gegründeten „Pythischen Spiele“, ein Komponistenwettbewerb mit anonymen Aufführungen und öffentlichem Voting. Zu den Interpreten seiner Musik zählen das Schönberg Ensemble, Nieuw Ensemble, Moscow Contemporary Music Ensemble, Studio Neue Musik Moskau, Orkest De Volharding, Musica Aeterna, Da Capo Chamber Players sowie Avanti! Chamber Orchestra. In 2013 war Filanovsky Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD. Er lebt zurzeit mit seiner Familie in Berlin. In seinen Werken schöpft Filanovsky technisch aus dem reichen Fundus der Avantgarde, formal bleibt er offen und verzichtet auf das Fixieren von Werkideen und Klangresultaten, stattdessen führt er unkontrollierbare Prozesse und Aufführungssituationen herbei, womit er einen Klangrealismus schafft, der Ausdruck von sozialer Empathie, Negation und Dekonstruktion ist und zugleich Mehrdeutigkeit, Ironie und Neuinterpretation erlaubt. "Ich glaube, dass angesichts des hoffnungslosen Leids alle Worte über die erhebende Wirkung der Kunst Heuchelei sind. Nur ein dokumentarischer Ansatz kann ehrlich sein, aber auch er ist ohne Formalismus undenkbar."

Kartenreservierungen können über Klangspuren erfolgen: € 15 / erm. € 10

Shuttlebus 12.00 Uhr von Schwaz über Hall und Innsbruck. Bitte unbedingt anmelden unter tickets@klangspuren.at oder +43 5242 73 582

Eine Produktion von TRANSART in Verbindung mit KLANGSPUREN SCHWAZ. Mit Unterstützung des Berliner Künstlerprogramms des DAAD