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Klangspuren Schwaz
Improv #1–#6
18.09.-19.09.2020

Die international prominentesten Vertreter der österreichischen Improvisationsszene geben sich ein Stelldichein am 18. + 19.09. 2020: bei einem aus sechs Konzerten bestehenden Improv-Schwerpunkt des Festivals Klangspuren. Von elektronischer Musik über kammermusikalische Improvisationen bis hin zu satten Fusion Sounds wird die gesamte Bandbreite der experimentellen Szene hörbar sein. Special guest ist Frank Gratkowski, der Corona-bedingt erst 2021 als Composer in Residence des Festivals wirken wird, aber bereits in diesem Herbst in einem Duo mit Elisabeth Harnik auftritt.

Ideenexpression in Echtzeit

Prominente Musiker der österreichischen Improvisationsszene treffen einander bei den Klangspuren zum intensiven Ideenaustausch.
Bei sechs Konzerten (18. und 19.09.) werden die Möglichkeiten des Spontanen ausgelotet.

Von Ljubiša Tošić
Erschienen in DerStandard, Spezial, 21.08.2020 (Medienkooperation)

Improvisation hat etwa Spielerisches und Elementares, ist eine Haltung, die mit dem Beginn des Musizierens an sich zu tun hat. Setzt sich ein Kind ans Klavier, lässt sich beobachten, wie unbeschwert und ungezwungen die Produktion von Klängen vonstattengeht, wie vorurteilslos auch die „schrägsten“, spontan entstehenden Klänge erlebt werden.

Auch in der professionellen Musikgeschichte verhielt es sich nicht anders, findet jedenfalls der Komponist und Pianist und markante Improvisator Georg Gräwe: „Improvisation ist immer wesentlicher Bestandteil instrumentaler und vokaler wie auch kompositorischer Praxis gewesen. Man denke an Arnold Schönbergs Satz: ,Komposition ist verlangsamte Improvisation.‘“ Wobei Gräwe, der bei den Klangspuren mit seinem impulsiven Trio, also zusammen mit Bassist Peter Herbert und Schlagzeuger Wolfgang Reisinger, gastieren wird, für sich eine gewisse Enigmatik in Anspruch nimmt. „Ich halte es für meine Privatsache, inwieweit etwas vorformuliert und/oder spontan auf der Bühne entwickelt ist. Das muss ich nicht plakatieren, und es geht das Publikum zunächst einmal nichts an. Bei einer Aufführung versuche ich, meine musikalischen Gedanken möglichst klar darzustellen – das bewegt sich immer im Spannungsfeld von Komposition, Improvisation und Interpretation.“ Werr Gräwe einmal gehört hat, der wird in den Sog musikalischer Gedanken fast hypnotisch hineingezogen und fragt gar nicht mehr, was vorgedacht und was spontan erdacht wurde. Improvisieren ist für jene, die sie ernst nehmen, aber tendenziell ein „Komponieren in Echtzeit“ mit dem Ziel, individuell Gültiges zu schaffen. Der Improvisator begibt sich in eine Entscheidungssituation, aus der es kein Entrinnen gibt. Nichts kann korrigiert werden, unaufhaltsam schreitet die Zeit in ihrer Unwiederbringlichkeit voran und will mit klingendem Sinn erfüllt werden.

Natürlich ist von außen schwer zu erkennen, wie spontan etwas ist. „Improvisation ist, wenn niemand die Vorbereitungen merkt“, meinte Filmregisseur François Truffaut nicht ganz unrichtig als Verweis auf eine Routine, die Spontaneität simulieren kann. Obwohl natürlich niemand aus dem Nichts schafft, kommt es bisweilen aber doch zu diesen schöpferischen Momenten, bei denen man das Gefühl hat, es entstünde etwas, das vorher so nicht existiert hat.

Somit ist jenen Musikerinnen, die an der Improvisationsreihe der Klangspuren teilnehmen, Inspiration zu wünschen: Elisabeth Harnik (Klavier) und Frank Gratkowski (Klarinette) können verinnerlicht bis hoch expressiv klingen, gerne jedenfalls freitonal samt präpariertem Klavier und Clusterexzessen. Tiziana Bertoncini (Geige) und Thomas Lehn (Synthesizer) schätzen ebenfalls klangsensible Dialoge. Susanna Gartmayer (Bassklarinette) und Brigitta Bödenauer (Electronics) wiederum setzen an sich gerne auf Performanceelemente. Wegen der ernsten Pandemie verzichten die Künstlerinnen ausnahmsweise aber auf die Maskierung. Black Burst Sound Generator nennt sich ihr Duoprojekt, das auch auf „spielerischen Umgang mit dem Material“ setzt und damit „auf die Herkunft der beiden Musikerinnen aus der experimentellen DJ- und Impro-Szene“ verweist.

Auch etwas tonaler Freie Improvisation kommt vom Quartett ZIMT. Unter diesem Titel treten Barbara Romen, Gunter Schneider, Angélica Castelló und Gitarrist Burkhard Stangl auf, wobei sie sich für ihre spontane Stunde den Klarinettisten Kai Fagaschinski eingeladen haben. Etwas tonaler dürfte es zum Finale der Reihe bei Lorenz Rabs XY Band zugegen. Der Trompeter vereint hier Christoph Dienz (elektrische Zither), Matthias Pichler (Bass), Oliver Steger (Bass) und Herbert Pirker (Drums) zu einem groovenden Kollektiv, das zur Jazzexpression tendiert.

Der aus Oberösterreich stammende Trompeter begibt sich da auf die Spuren von Miles Davis, erinnert an die Fusion-Zeit und legt noch eine experimentelle Note drauf. Ein impulsiver Abschluss für ein dichtes Wochenende des Spontanen. Weil schon der Name des Trompeters Miles Davis fiel: Auch er hat zum Wesen der Improvisation Stellung bezogen. „Es geht nicht um die Noten, die du spielst, es geht um jene, die du nicht spielst“, orakelte Davis und meinte wohl, dass in der Verknappung die Essenz liegt. 

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