Die Tiroler Lyrikerin und Schriftstellerin Barbara Hundegger schreibt seit Mai 2006 die Kolummne BAHUs FÜHLbar DENKbar in der Spuren – Zeitung für Gegenwärtige der KLANGSPUREN. In ihren Kolummnen setzt sich Barbara Hundegger mit sozial-, gesellschafts und kulturpolitischen Themen auseinander. Hier können Sie sie alle nachlesen.
BAHUs FÜHLbar DENKbar
in Spuren – Zeitung für Gegenwärtige Mai 2012
Das Augenbrauen-Ding
Man fährt ja immer wieder einmal so herum in der Gegend ... Wenn auch nur mehr selten um des In-der-Gegend-Herumfahrens willen, um auf eine Art still und glücklich das Durch-die-Landschaft-Schweben ziellosen Autofahrens zu genießen – dazu ist die Zeit zu punktgenau verplant, der Verkehr zu stau-riskant, der Sprit zu wucher-teuer.
Meist also: Dienstreisen, Berufsfahrten.
Um denen den Hauch eines Genusses zu geben, trachtet man tunlichst, ihnen höheren Sinn durch Umwege, Beiwege, Zwischenstationen zu gönnen, um der Kälte der Pflicht die Wärme einer Kür hinzuzufügen ...
Probate Mittel: besondere Routen, besondere Strecken, besondere Flecken, Sonnenplätze, Wasserflächen usw. – und: Kunst.
Zum Beispiel Wien, Westbahnstraße, Galerie WestLicht: „Power Platon – zwischen Mythos und Menschlichkeit: Die Staatsoberhäupter der Welt im Portrait“.
Im Auftrag der Zeitschrift „New Yorker“ hat der britisch-griechische Fotograf Platon Antoniou im September 2009 während der Hauptversammlung der Vereinten Nationen in New York eine große politische Porträt-Reihe gemacht: über 100 Staats- und Regierungschefs hat er in nur fünf Tagen in einem improvisierten Studio im UNO-Gebäude fotografiert – „Gesichter der Macht“ nennt sich die Serie, die dabei und dann groß herausgekommen ist.
Weil: Wer sich da aller – frontal und überlebensgroß – vor der Linse versammelt hat! Von einem versiert-verschmitzten Berlusconi über einen fast durchscheinenden Putin bis zu einem breiter als breit lachenden Zuma, von einem halb-schamanischen Chavez über einen mehr-als-halb-resignierten Abbas bis zu einem schon deutlich-mehr-als-halb-entrückten Gaddafi (jetzt: ganz), von einem irgendwie sanft dreinblickenden Ahmadinejad über einen irgendwie heftig mageren Obama bis zu einem irgendwie erhabeneren Zielen entgegenblickenden Zapatero ...
Diesen Effekt der Erhabenheit ziehen etliche der Fotos auch aus einer ihnen eingebauten strahlenden Aura, die von Hellweiß in ein Stahlblau verläuft und die Abgelichteten wie von hinten umgibt – ein Stilmittel, das auch die Heiligen-Abbildung kennt und das der Fotograf auch bei anderen Serien verwendet (wobei sein Interesse sehr diversen Größen aus Sport, Film, Mode, Musik usw. zu gelten scheint – siehe: www.platonphoto.com).
Andere Fotos der Power-Platon-Serie wiederum haben mehr mit erkennungsdienstlichen Fahndungskarteien als mit Heiligenverehrung gemein ...
„Erstaunlich und von großer Intensität“ sind sie, diese Fotos – ja, das stimmt.
Aber die mit der Ausstellung mitgelieferten Bedeutungshintergründe erschließen sich nur teilweise – denn dass sie „den Mythos hinterfragen“, demgemäß „ein Gesicht und sein fotografisches Abbild das wahre Wesen eines Menschen offenbaren“, dem widerspricht die Form der Sache selbst: Fotos, die so groß, so gestochen scharf, so porentief in Szene gesetzt daherkommen wie diese, mit einer solchen Vehemenz im Auftritt, hinterfragen nicht, sondern stellen entgegen der eigenen Ansage naturgemäß einen Anspruch auf einen Augenblick höherer Wahrheit.
Aber: welcher?
Es „stehen Demokraten neben Diktatoren, Friedensaktivisten neben Schreckensherrschern“, und O-Ton Platon: „Auf eine gewisse Weise behandle ich sie alle demokratisch, meine Art zu fotografieren vereint sie: die Guten, die Schlechten, die Mächtigen, die Schwachen – alle durcheinander. Das sind die Zeiten, in denen wir leben.“
Ja, das sind die Zeiten – und das ist eins ihrer Probleme: dass sie als einzige Art der öffentlichen Darstellung nur mehr die Art von Darstellung kennen, die den schematischen Gesetzen der Medien gehorcht. Und dabei sind scheinbar alle gleich: Peiniger und Gepeinigte, Opfer und Täter/Täterinnen – was zählt, ist das Potential markt-medialer Verwertbarkeit, ist die Fähigkeit zu Story, Bild, Titelbild. Und potentielle Titelbilder sind diese Macht-Fotos alle.
Da gräbt sich als Sicht-Weise die „Neben-Botschaft“ der Power-Platons tiefer und via Umzingelung fast physisch ein: denn der Präsident von Südkorea ist ein Mann und der Präsident der Malediven ist ein Mann und der Präsident von Osttimor ist ein Mann und der Premierminister von Japan ist ein Mann und der Premierminister von Kenia ist ein Mann und der Premierminister der Türkei ist auch ein Mann und die Chefs von Iran, Irak, Pakistan sind Männer und die von Polen, Kroatien, Serbien auch so wie die von Costa Rica, Kolumbien, Mexiko, Paraguay, Haiti usf.
„In der Politik und unter Entscheidungsträgern sind Frauen nach wie vor völlig unterrepräsentiert. Nur 10% der Staats- und Regierungschefs und nur ein Fünftel der Parlamentarier weltweit sind Frauen. Die kritische Marke von 30%, die eine bestimmte Gruppe erreichen muss, um wirkliche Veränderungen bewirken zu können, wurde bislang nur in 28 Ländern weltweit erreicht oder überschritten.“ (Michelle Bachelet, Geschäftsführende Direktorin UN Women, von 2006 bis 2010 als erste Frau Staatspräsidentin von Chile)
Da ist es vielleicht nur folgerichtig, dass von den Macht-Gesichtern dieser Mächtigen vor allem ein menschliches Detail nachhaltig in Erinnerung bleibt: die Augenbraue. Denn die Platon-Ausstellung enthält unglaubliche Brauen, die wie harter, wilder Wald hinter Brillenrändern hervor- und zwischen Augen ineinanderwachsen (und unsere heimische Super-Braue HBP Heinzi ist auch dabei!), sodass man beim Gedanken an deren Bändigung nicht an handliche Pinzetten, sondern an Trimmgeräte in der Dimension von Rasenmähern denkt.
So Eindruck können Umwege machen.
Die „Gesichter der Macht“ gibt es in limitierten Abzügen über die Galerie auch zu kaufen – bleibt die Frage: wer sich, und wo, um 9.000,– Euro einen Gaddafi aufhängt?
BAHUs FÜHLbar DENKbar
in Spuren – Zeitung für Gegenwärtige Mai 2011
Nur die Gegend trügt nicht
Eindrücke vom Gang durch das "Tirol-Panorama"
Schon 2007 war auf dieser spuren-Seite vom damals erst geplantenBergisel-Museum die Rede (www.klangspuren.at/spurenarchiv:„Im Vorhinein schon hintennach – Das Hofer-Jahr nimmt Anlauf– Helden, Räume, Relationen“), die grundsätzlichen Einwände gegen das in seinen Konnotationen vorhersehbare Projekt brauchen hier demgemäss nicht wiederholt zu werden – aber stimmen tun sie immer noch ...
Jetzt ist es also da, „das Tirol-Erlebnis der ganz besonderen Art“, gebaut (unter zigfacher Kostenüberschreitung und massiver Kritik – die ihren intelligent-witzigsten Höhepunkt in Form eines Flashmobs bei der offiziellen Eröffnung fand, wo über 100 AktivistInnen taten, was logisch ist: beim Schuss der Schützen tot umzufallen!) und eingeweiht (ja, Geistliche weihen auch 2011 noch Schlachtengemälde ein!) und definiert als „neuer Mittelpunkt Tirols“. Und,Landes-Chef-O-Ton: „Deshalb lade ich alle, die dieses Museum kritisch bisher gesehen haben, ein, hier dieses Museum zu betrachtenund dann eine Aussage zu treffen, ob nicht doch hier etwas Gutesgetan wurde für die Tirolerinnen und Tiroler.
“Also, sagst du dir, gehst du es einmal „betrachten“, dieses Tirol-Panorama „hier“ ...
Auf dem Weg zum „rufenden“ Bergisel fährst du am für immerschweigenden Bierstindl vorbei. Mit dem Gefühl, das du hier schon seit Kindheit hast: keine gute Aura rund um den Kriegerhügel, kein Fleck, an dem du gern länger wärst ...
Oben, global-obligat: Parkschranken, Parkkassen, Busplätze, WCs. Die alten Schiesshüttln daneben schauen aus wie je, der Hofer wie je in Bronze gegossen, ein paar Leutln gehen Richtung Museumseingang, ein paar kommen wieder heraus ...
Sieben Euro später beginnt dein Rundgang, gemäss Anweisung des einweisenden Personals, in einer sich nach zwar prächtigem, aber doch Hausgang anfühlenden Helden-Galerie: zwergengrosse Plastiken einschlägiger Grössen, alles Männer, alle konventionell realistischgemacht, auf überkopfhohe Säulen gepflanzt, schauen über dich hinweg – und brav fragst du dich gleich, was will dir das künstlerisch sagen, aber es sagt dir nichts ...
Das bringt dich zu einer abschüssigen Rolltreppe, die trägt dich hinunter zum „Schauplatz Tirol“ – zur „grossen Dauerausstellung“, die „einen ganzheitlichen Einblick“ in „die Vielfalt unseres Landes“und den „Mythos Tirol“ verspricht.
Ganz rechts: Ein schwarzes Förderband am Boden, das nichts fördert, denn es steht still ...
Daneben: Runde Edelholztürme mit Türchen, die man tabernakel-mässig öffnen (und das Personal dann offenbar wieder schliessen) muss, mit monstranz-mässig beleuchtetem allerhand Zeugs darin – darunter so Pretiosen wie „Spielkarten aus dem Besitz der Fam. Falkner, Sölden, 20. Jhd.“, nebst einer Schachtel Virginia hindrapiert... Oder die Büste Luis Trenkers, bei der als Beschriftung nur was von „Skilehrer, Schauspieler, Bergführer“ und „alpiner Naturbursch“steht – dabei kommt dir quasi naturgemäss in den Sinn,dass beispielsweise der Österreichische Alpenverein noch vor dem Deutschen den „Arierparagraphen“ eingeführt hat ...
Im Bereich „Religion“, bestückt mit auch allerhand Zeugs – Votivbildern,Glocken, Kanzel usw. –, bleibst du nur vor diesem Objektlänger stehen: einem nicht bloss mit katholischen, sondern über und über mit tiefmenschlichen Wunden übersäten „Pest-Christus“ ...
Und ganz links: ein lang-vollgestopfter Schaukasten, mit sehr viel allerhand Zeugs darin: von Plaketten, Skiern, Schnäpsen über Seile, Hacken, Mützen bis zum „Rucksack Modell Zugspitze der Tirol Werbung“ usf. Dein persönliches Highlight dabei: der auf das rostige Scharnier einer ehemaligen Mutterer-Alm-Bahn-Gondel gepfropfte, ausgestopfte „Italien-Sperling“ – was allein der gekostet haben muss ...
Dann fragst du dich: Ist das alles gewesen? Und sagst zu einem älteren Besucher, ob’s da noch wo weiterginge, sagt er drauf: „Nein,nur zum Kaiserschützenmuseum, mit dem ganzn altn G’raffl drin. “Je länger du aber in diesen „Einblick“ schaust, desto mehrfühlst du dich irgendwie erinnert – an eine Landesausstellung, im Salzlager Hall, mit gleichem Konzept: ein diffuses Tirol-Krimskrams, das so tut, als hätte(n) hierorts alle(s) den gleichen Stand, weshalbman die in echt hierarchisierten Themen statt in den sprichwörtlicheinen Topf halt in eine Vitrine wirft ...
Erhellendes dazu liefert selbst der Ausstellungsentwerfer nicht: „Wenn man sich einmal darauf eingelassen hat, verliert man sich, und dann wird es auch nicht mehr so beliebig.“ Aha.
Eine weitere Rolltreppe abwärts, gegen deren Ende du in die Schusslinie von ca. 30 Gewehren samt Bajonetten gerätst, empfängt dich der (blut?)rote Vor-Bauch des Schlachtengemäldes, der wird mit Toninstallationen bespielt, daraus schnappst du nur den Satz auf: „Wer gegen Tirol ist, der ist gegen Gott.“
Dann wieder hinauf über eine Stiege, bis du auf der Rundgalerie inmitten des Panoramabildes stehst – aber das kennst du ja schon ...
Und sicher, es hat was Erstaunliches – aber erstaunlich ist auch, dass diese „Illusion“ nun wieder als „Mittelpunkt“ inszeniert wird einer ominösen Tirolität: Denn der Hofer ist zwar da, war aber gar nicht dabei damals, Schützenuniformen sind zwar zu sehen,die gab es damals aber noch gar nicht, insgesamt zwei Frauen sind im Bild, eine beweint, eine schenkt Wein aus, und der Maler des Ganzen hat sich später im Leben sehr für die Ideen der Nazis erwärmt...
Als du dich auf die offenbar dafür vorgesehene, gepolsterte Reling lehnst, ist die Illusion aber auch schnell wieder vorbei: denn oben ist der Bildrand, sind Nummern und die Aufhängungen zusehen ...
Prophetisch vielleicht aber, was auf der Beschilderung auch zulesen steht: „Die anfängliche Begeisterung liess allerdings schnell nach und das Unternehmen endete in einem finanziellen Debakel.“
Eine Stimme erhebt sich, Sperrstunde wär’ jetzt, und so gehst du wieder ins Freie hinaus, hängst dem Gedanken nach, was man alles machen hätte können um so ein Heidengeld, und lässt bei einer Zigarette deine Augen eine Runde drehen – und das wär’ das Wahrhaftigste, das du zu berichten hast: der gesammelte Blick hinunter auf dieses von Straßen, von Kurven und Autobahntrassen, Abfahrten, Auffahrten, Tunneln und Übertunnelungen, von Gewerbegebieten und zersetztem Wald bestürzend abgewirtschaftet wirkende Areal ...
Weil Wallis Pfeife raucht nicht drinnen, sondern draussen, wo die Lkws ihr Abgas und Dröhnen auf die Landschaft werfen und sich dabei in der global-obligaten Glasfassade der „Herrlichen-Panorama-Architektur“ barbara hundegger
BAHUs FÜHLbar DENKbar
in Spuren – Zeitung für Gegenwärtige August 2010
"Ich sehne mich nach dir, Jude!"
Bemerkungen zum bemerkenswerten Kunst-Projekt des Rafael Betlejewski
Während es beispielsweise in der Filmbranche in den letztenJahren fast schick geworden zu sein scheint, „endlich“ auch witzig-rasant-skurrile Filme über Hitler, die Nazis & den Holocaust zu machen, es dabei fast schon zu einem Wettlauf der Hitler-Darstellung kommt und man es in diesem Feld bekanntlich zum Dank für die besonders perfide Darstellung eines österreichischen Nazi-Schergen (und er war besonders perfid-österreichisch dargestellt!) bis zum Oscar bringen kann, decken andere, stillere, unpompöse Projekte auf, dass wir von einem zulässig-heiteren Umgang mit diesem Thema in Wahrheit meilenweit entfernt sind – und sein sollten ...
Wie schmal der Grat ist, auf dem da bisweilen von Starregisseuren und Starbesetzungen gewandelt wird, hat auch die betreffende Oscar-Verleihung gezeigt: denn wenn sich der prämierte Darsteller des Nazis auf offener internationaler Bühne eins zu eins mit einem markant wortwörtlichen Film-Zitat des von ihm dargestellten Nazis für die Auszeichnung bedankt – und der ganze Saal lacht! –, dann sind hier in glamourösem Ambiente Grenzen überschritten, nicht künstlerisch hinterfragt.
Das ginge anders ...
Weil das Wort „Jude“, sagt Rafal Betlejewski in einem Interview, in Polen eine so negative Konnotation angenommen habe, fast nur gepaart mit antisemitischen Graffitis und Witzen und der Überzeugung, „die Juden“ hätten zu viel Einfluss in den Medien und jammerten ständig über den Holocaust. Weil er sich nicht erinnern könne, sagt Betlejewski, in seiner Kindheit und Jugend je einen Juden gesehen oder von einem Juden gehört zu haben. Weil ihm, sagt Betlejewski, selbst auf dem obligatorischen Schulausflug nach Auschwitz nur von Polen als Nazi-Opfern erzählt worden sei. Und, sagt Betlejewski, weil man den Antisemiten nicht das Feld überlassen dürfe – deshalb habe er sein Kunst-Projekt in Gang gesetzt ...
Die Mittel des 41-jährigen polnischen Aktionskünstlers sind so einfach wie stimmig, so zugänglich wie überzeugend: ein Satz, eine Wand, eine Spraydose, ein Foto danach. Sowie eine zweite Art Foto, mit zwei Stühlen: der leere mit nur Lammfell und Kippa als spürbares Zentrum, und auf dem daneben sitzt immer jemand – das sind die, die an diesem Projekt teilnehmen und so Teil des Projektes (haben) werden wollen ... Mit immer dem Schriftzug: „Ich sehne mich nach dir, Jude!“
Was für ein Satz.
Denn die gelungenen Sätze setzen Ströme, Stürme, Echos frei ...
Das Ganze als Graffiti. Also niederschwellig. Also für jedermann sichtbar und in den Alltag alltäglicher Wege integriert. Und inmitten von Umgebungen mit vielen Graffitis, auf denen zu oft und immer ungenierter und von Öffentlichkeiten toleriert „Saujude!“, „Ab ins Gas, Jude!“, „Jude, verrecke!“ schon gewohnheitsmäßig zu lesen steht. Nicht nur in Polen, aber in Polen offenbar besonders auch ...
Eingeladen zu der Kunst-Aktion von Betlejewski, die am 27. Jänner, dem „Holocaust Memorial Day“ begann, sind: alle. Aufgefordert, „Ich sehne mich nach dir, Jude!“ an Hauswände, Mauern, auf Asphalte zu schreiben und zu fotografieren. Oder sich mit dem leeren Stuhl und vor den Häusern, in den Orten, wo die polnischen Juden und Jüdinnen einmal gewohnt haben (könnten), fotografieren zu lassen.
Also ganz nah am persönlichen Umfeld. Also unausweichlicher als die blanken Fakten und Listen und Bilanzen des systematischen Mordens und Vertreibens. Und emotionaler als die ritualisierten Formen des Pflichtgedenkens in ihrer weitgehend gefühllosen Korrektheit. Denn da ist der Unterschied: zwischen auf der einen Seite Formulierungen wie „Jude, dir wurde Unrecht getan“ oder „Jude, wir haben Fehler gemacht“ oder „Jude, wir entschuldigen uns“ – und auf der anderen Seite einem solchen Satz: „Jude, ich habe Sehnsucht nach dir!“
Das benennt eine riesige Leerstelle im öffentlichen wie privaten Diskurs: „TESKNIE ZA TOBA ZYDZIE! Ich sehne mich nach dir, Jude!“ – dieser Satz schafft es, nicht nur das weithin tabuisierte Wort „Jude“ offensiv und entgegen seinem verschämten oder einschlägigen Gebrauch zu gebrauchen, sondern wagt es auch, nicht nur eine Haltung, sondern eine Gefühlshaltung dazu zu haben, und spricht sie auch aus. Um die eigentliche, die zwischenmenschliche Leerstelle zu benennen, die jede/r einzelne ermordete, deportierte, ruinierte, emigrierte, verratene Jude/Jüdin in unseren menschlichen Kreisen auf immer hinterlassen hat und wird ...
Also nicht nur: die routinierte Scham der Schuld. Sondern: die Wunden, die das in die Herzen riss ...
Ein Jahr soll Rafal Betlejewskis Aktion dauern, die, ist über sie zu lesen, „mit ihrer Mitmach-Aufforderung zum ersten Mal in ganz Polen Menschen mobilisiert, sich darüber Gedanken zu machen“. Sammelpunkt aller Projekt-Teile und Forum ist die Internet-Seite www.tesknie.com – Plattform für ein kollektiv entstehendes Trauerlücken-Netz, welches das Potenzial hat, die polnischen Jüdinnen und Juden nicht nur ins Bewusstsein, sondern ins Herz der menschlichen Gesellschaft zurückzuschreiben: eine beeindruckende Art Beseelung nach der Entseelung, die die Opfer vernichtet und deren Entseeler/Entseelerinnen nachhaltig und über Generationen ergriffen hat.
www.tesknie.com
BAHUs FÜHLbar DENKbar – Mai 2010
Das Geschwätz dieser Tage.
BAHUs FÜHLbar DENKbar – Mai 2009
Es könnte uns alle erwischen.
BAHUs FÜHLbar DENKbar – Februar 2009
Sozialfall(e) Kunst.
BAHUs FÜHLbar DENKbar – August 2008
Mare nostrum.
BAHUs FÜHLbar DENKbar – Mai 2008
"So Frau" sein.
BAHUs FÜHLbar DENKbar – Februar 2008
Fassaden-Frage : Frage-Fassaden.
BAHUs FÜHLbar DENKbar – August 2007
Lauter (-) 1er Kinder.
BAHUs FÜHLbar DENKbar – Mai 2007
Im Vorhinen schon Hintennach.
BAHUs FÜHLbar DENKbar – Jänner 2007
Mit herablassender Gebärde: Homophobia austriaca.
BAHUs FÜHLbar DENKbar – Mai 2006
Die Schuld-Lolita der Lebenshilfe.
